Welche Pflanzen, Kulturen, Sorten pflegen wir im Vermehrungsgarten?

Ziel des Vermehrungsgartens ist der Erhalt samenfester Nutzpflanze. Das sind die Pflanzen, die wir nutzen, für unsere Ernährung, als Heilpflanzen, als Insektenfutter, zum Freuen.
Die Vielfalt dieser Nutzpflanzen hat in den letzten hundert Jahren immer weiter abgenommen. Ursache ist u.a. die Verpflichtung, dass nur gehandelt werden darf, was zugelassen ist. Zugelassen wird nur, was sich durch Unterscheidbarkeit, Beständigkeit, Einheitlichkeit und Gleichheit auszeichnen. Darum kümmert sich das Bundessortenamt, bei dem neue Sorten für die Zulassung geprüft werden.

Viele Land- und Familiensorten haben sich nie um eine Zulassung bemüht - warum auch? Sie waren an Boden und Klima angepasst, zeigten, dass sie auch mit viel oder wenig Wasser auskamen, sie wurden genutzt, ihre Qualität war bekannt, Saatgut wurde immer wieder gewonnen und weiter gegeben, über den Gartenzaun, als Hochzeitsgeschenk…

Dann gab es auch immer wieder Sortenberichtigungen, die zu Sortenverlusten führten. Was so ähnlich im Äußeren war, fiel aus der Liste, wurde nicht mehr angeboten.
Aber auch zugelassenen Sorten geraten in Vergessenheit, wenn ihre Zulassung abgelaufen ist. Dann können sie nicht mehr gehandelt werden und eine erneute Zulassung ist teuer.
In neuen Saatgutkataloge werden immer mehr Hybridsorten angeboten. Diese mögen für Erwerbsgärtner sinnvoll sein, weil sie sich durch gleiches Aussehen, gleichzeitige Entwicklung und Ernte auszeichnen. Selbst zu vermehren sind sie nicht. Weil sie sicherer im Ertrag sind und regelmäßige Gewinne versprechen, kümmern sich immer weniger Saatgutbetriebe um die mühsame Pflege der samenfesten Sorten.

Über Jahrtausende haben sich die verschiedenen Sorten entwickelt, viele Landwirte und GärtnerInnen haben immer wieder Auswahl getroffen, haben die Sorten weiter entwickelt. Denn keine Kultur, Sorte bleibt immer gleich. Aus johannisbeergroßen, gelbfrüchtigen Wildtomaten entwickelte sich die große Tomatenvielfalt, über die wir heute verfügen. Die PflegerInnen der Sorten haben auch immer eigene Vorlieben gepflegt und bei der Auswahl berücksichtigt. So lieben sie in Polen rosafarbende Tomaten. In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wurde auf eine weiche, abziehbare Schale geachtet. In Asien sind nicht nur die Hülsen und Kerne von Erbsen wichtig, sondern auch die Weichheit den Triebe und Blätter, die im WOK zubereitet werden.

Bis nach dem 2. Weltkrieg wurde in Deutschland auch für den Hausgartenbereich gezüchtet. Hausgartensorten können sich z.B. dadurch auszeichnen, das sie über ein längeres Erntefenster verfügen, Tomaten reifen über eine lange Zeit, Salatköpfe sind mal größer, mal kleiner,  nicht alle müssen zur gleichen Zeit geerntet werden, ihre Beschaffenheit ermöglich eine bestimmte Nutzung für bestimmte Gerichte…
Auch diese Sorten geraten in Vergessenheit, wenn sich keiner darum kümmert.
Im Vermehrungsgarten kümmern wir uns um solche Sorten, wollen, das sie wieder in unseren Gärten wachsen, das sich wieder Menschen darum kümmern, dass ihre Qualität bekannt wird und erhalten bleibt.

Quellen für unsere Sorten sind die Genbank in Gartersleben, die viel Sorten gesammelt hat, erhält und Saatgut für den weiteren Erhalt abgibt. Daneben haben wir viele Sorten direkt oder über Umwege von ehemaligen PflegerInnen der Sorten, von Familien, die sie lange angebaut und erhalten haben, bekommen. Auch NeubürgerInnen gehören in diesen GeberInnenkreis, die Sorten mitgebracht haben. Auch Sorten, die aus der Zulassung gefallen sind, werden an uns gegeben, weil es schade wäre, wenn sie verloren gehen würden und wir ihre Qualität nicht mehr nutzen könnten.

Natürlich sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Der Anbau und die Vermehrung der verschiedenen Kulturen und Sorten muss geplant und dann verlässlich umgesetzt werden. Ein wichtiger Aspekt bei der Vermehrung ist die Gefahr der Verkreuzung, der Vermischung der unterschiedlichen Kulturen bzw. Sorten. So ist bei uns nicht die Vielfalt zu sehen und zu bekommen, die sich viele wünschen. Es gibt immer nur einen Maxima-Kürbis, eine Gurkensorte pro Saison, entweder ein Mangold oder eine Bete. Begonnen haben wir mit einfach zu vermehrenden Kulturen, Tomaten, Bohnen, Erbsen, Salate. Zwischenzeitlich gibt es auch erste Kulturen, die zweijährig sind, die über den Winter kommen müssen, bevor sie in Blüte gehen und Saatgut entstehen kann. So entwickelt sich die Anzahl der Kulturen und Sorten von denen wir Saatgut gewonnen haben langsam.
Und einiges werden wir nie vermehren, z.B. Kohlrabi und Kopfkohle. Um hier erfolgreich zu sein, müssen viele Pflanzen einer Sorte gleichzeitig angebaut werden und gleichzeitig abblühen, damit die genetische Vielfalt erhalten bleibt. Zum Glück gibt es Andere, die sich kümmern.

Auf dieser Seite stellen wir unsere Sorten vor, beschreiben Aussehen, weisen auf Qualitäten hin, beschreiben wichtiges zum Anbau und Nutzungsmöglichkeiten. Die Liste erweitern wir nach und nach. Wichtig ist immer auch unsere Erfahrung mit den Kulturen, Sorten als Grundlage.
Daneben gibt es Kulturanleitungen, die über den erfolgreichen Anbau informieren. Und was uns immer wichtig ist, wie sieht die Vermehrung aus. Schließlich wollen wir, dass von uns erhaltene Sorten in vielen Haus- und Kleingärten in der Stadt und der Region erfolgreich weiter gepflegt und erhalten werden.

In der Großstadt haben nicht alle einen Garten, können im Boden säen und pflanzen. Viele Kulturen und Sorten sind auch auf dem Balkon anzubauen. Auch hier sind einige Kulturen, wie z.B. einige Tomatensorten, zu vermehren. Ansonsten macht die lange Dauer bis zur Saatgutreife und die Begrenzung der Wurzelmenge im Topf die erfolgreiche Vermehrung schwer.
Wir geben gern immer wieder von unserem Saatgut ab.
Leider können wir kein Saatgut versenden. Alle Arbeit im Vermehrungsgarten passiert ehrenamtlich und an erster Stelle steht die Arbeit im Garten. Der Versand von Saatgut schaffen wir zusätzlich dabei nicht. Aber bei der Saatgutbörse „Säen Sie sich das mal an!“ und andere Veranstaltungen gibt es immer wieder die Gelegenheit von unserem Saatgut gegen eine Anerkennungsgebühr zu bekommen.
So und nun wünsche ich viel Spaß beim Stöbern in den Kulturanleitungen und Sortenbeschreibungen.